Die Berufung zu einem kontemplativen Leben ist eine Berufung, die für Menschen, die einen anderen Weg geführt werden, weder sehr leicht verständlich noch einfach zu akzeptieren ist. Sind wir als Christen nicht gerufen, einen Unterschied zu machen in der Welt? Müssen wir nicht laut unsere Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung? Gehört es nicht wesentlich zu unserem Christsein dazu, dem Leid entgegenzutreten und Gott zu dienen, indem wir „dem Geringsten Seiner Brüder“ Gutes tun? Und entzieht sich der kontemplative Christ nicht allzu einfach all diesen Ansprüchen?
Diese Fragen werden immer wieder gestellt; erst vor kurzem fand ich sie in einem Blog-Eintrag formuliert. Der Autor wendet sich gegen eine zu einseitige Betonung der kontemplativen Seite, und formuliert:
Könnte man sich denn nicht ein ganz anderes Modell vorstellen, in welchem das aktive und das kontemplative Leben parallel gesetzt wird – so dass eine “Meisterschaft” in der einen Lebensweise nur durch eine gleichzeitige “Meisterschaft” in der anderen Disziplin erreicht werden kann? – Hier ist ein notwendiger Dialog zwischen unserem “psychologischen” Wissen, aus dem 20. Jahrhundert kommend, mit der alten Tradition spiritueller Lehre erforderlich!
(http://urbancontemplatives.wordpress.com/2009/03/08/einseitigkeiten-in-spiritueller-praxis/)
Solche Fragen sind berechtigt, und tatsächlich müssen wir uns immer wieder diesen Spiegel vorhalten (lassen). Ich bin überzeugt, daß Kontemplation, die nicht automatisch zur Aktion führt, keine echte Kontemplation ist.
In dieser Überzeugung sehe ich mich bestätigt durch die große Lehrerin des kontemplativen Lebens, Theresa von Avila (1515 – 1582). In ihrem letzten großen Werk, „Die innere Burg“, beschreibt sie für die Schwestern ihrer Klöster einen Weg, den sie (und damit auch wir) gehen können, um zu dem Ort zu kommen, an dem wir Gott schauen. Sie verwendet dafür das Bild einer Burg, die aus sieben unterschiedlichen Wohnungen aufgebaut ist. Jede der Wohnungen besteht aus einer Reihe von Räumen, die wir durchschreiten müssen, um schließlich zu der letzten Wohnung zu gelangen, die im Inneren der Burg liegt. Theresa schreibt:
Denken wir uns also, daß diese Burg … viele Wohnungen hat, … und daß sie ganz innen, in der Mitte all dieser Wohnungen, die allerwichtigste birgt: jene, wo die tief geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele vor sich gehen. (Theresa von Avila 1978, I.1)
Für unsere Fragestellung ist nun sehr interessant, was Theresa über diese innerste Wohnung schreibt. Nachdem sie all das beschrieben hat, was Gott uns an diesem geheimen Ort schenken will, da sagt sie:
Es wird gut sein, Schwestern, euch zu erklären, wozu der Herr so viele Gnaden in dieser Welt erweist. Obgleich ihr es an deren Wirkungen wohl schon gemerkt habt, falls ihr darauf geachtet habt, will ich es euch hier erneut sagen, damit keine von euch glaube, es geschehe nur zum Ergötzen dieser Seelen. Das wäre ein großer Irrtum … (Theresa von Avila 1978, VII.4)
Als praktisches Beispiel führt sie unter anderem Paulus an:
An ihm ist zu erkennen, welche Wirkungen die wahren Visionen und die echte Beschauung erwecken, wenn sie von unserem Herrn stammen und nicht Einbildung oder Gaukelwerk des Satans sind. Hat Paulus sich etwa in die Verborgenheit zurückgezogen, um jene Wonne zu genießen und auf nichts anderes mehr zu achten? …
Hierfür ist das Gebet da, meine Töchter, das ist die Bestimmung dieser geistlichen Ehe, nämlich daß ihr immerfort Werke entsprießen, Werke.
Dies ist das wahre Kennzeichen dafür, daß etwas eine Gnade ist, die von Gott kommt. Denn es nützt mir wenig, wenn ich einsam, in tiefer Zurückgezogenheit mit unserem Herrn Feste feiere und dabei den Vorsatz fasse, das Versprechen ablege, Wunderwerke in seinem Dienst zu vollbringen, hernach aber, wo sich die Gelegenheit bietet, genau das Gegenteil tue. (Theresa von Avila 1978, VII.4)
Für Menschen, die aus einem protestantischen Hintergrund kommen, ist dieses Wort „Werke“ vielleicht ein Reizwort. Aber Theresa spricht hier nicht davon, daß wir etwas leisten müssen, um Gott zu gefallen. Die Tat ist nicht Voraussetzung für ein Einswerden mit Gott. Ganz im Gegenteil: die Aktion, die sie hier anspricht, ist die Folge dieser „geistlichen Ehe“, ist Folge der Liebe zu Gott.
Wie sehr Kontemplation und Aktion zueinander gehören, wie unsinnig das eine ohne das andere ist, erklärt sie schließlich am Bild von Maria und Martha, diesem Urbild des Verhältnisses von Kontemplation und Aktion. Ganz unmißverständlich schreibt Theresa:
Glaubt mir, Martha und Maria müssen beisammen sein, um den Herrn beherbergen zu können und ihn immer bei sich zu behalten; sonst wird er schlecht bewirtet sein und ohne Speise bleiben. (Theresa von Avila 1978, VII.4)
Kontemplation und Aktion – das sind zwei Seiten einer Medaille. Ohne ein gewisses Maß an Kontemplation droht die Aktion, zu Aktionismus zu werden. Und wenn umgekehrt unsere Kontemplation keine Aktion hervorbringt, so müssen wir uns fragen lassen, ob unsere Triebfeder wirklich die Liebe zu Gott ist, oder ob uns nicht noch sehr große Anteile an Selbstliebe den Blick auf den verstellen, um den es allein geht: um Gott, um unseren Geliebten. Wenn aber diese Perspektive stimmt, dann wird die Folge eine langsame Änderung unseres Charakters sein, eine Öffnung für die Menschen um uns herum, und die Sehnsucht, Gott nicht nur in unserem Inneren zu begegnen, sondern gerade auch in dem „Geringsten Seiner Brüder“.
[...] Mai 2009 von sciviaseditor Passend zum Artikel Kontemplation oder Aktion? finde ich im The Website of Unknowing-Blog ein Zitat von Thomas Merton, das an Klarheit kaum zu [...]